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Sarina Bauer
Sarina Bauer mit ihrem Text, welcher im March-Anzeiger und Höfner publiziert wurde, nachdem sie an einem Schreibwettbewerb der Klasse S3e teilgenommen hat.

Meinrad Inglins «Schwarzer Tanner»
in Zeiten von COVID-19

von Sarina Bauer, Wollerau

«Der Schwarze Tanner» von Meinrad Inglin. Wenn man an diese Erzählung denkt, haben die meisten Leute ein griesgrämiges Mannsbild vor ihrem inneren Auge. Das war doch einer, der in der Zeit des Zweiten Weltkrieges auf seinem Bergbauernhof gelebt hat und sich allem, was auch nur ansatzweise auf ihn zukam, widersetzte, bis er schliesslich dafür büsste und für eine Weile sein Leben im Gefängnis fristete.

Alles nur, weil er sein Wiesland nicht in Ackerfläche umwandeln wollte, wie es der «Plan Wahlen» vorsah, keine landwirtschaftlichen Produkte abgab, dem Staat die Bussen für seine Vergehen nicht bezahlte und obendrein noch Schwarzhandel betrieb. Er dachte, er wisse alles besser und müsse nur für sich schauen. Es sei schliesslich schon immer so gewesen und überhaupt. Es sei auch nicht der Fall, dass man sich aufgrund einer solchen Katastrophe solidarisch zeigen sollte. Hauptsache, einem selbst geht es gut. Der Hof, die Familie und man selbst. Der Rest ist doch egal, es interessiert einen nicht. Sollen sie selbst schauen, wie sie zurechtkommen. Wieso sollte man für alle anderen schuften und seine hart erarbeiteten Erzeugnisse einfach so abgeben, nur weil diese Leute zu faul sind?!

Also kurz und knapp gesagt, ist es die Geschichte eines engstirnigen Mannes und seiner Familie. Er verdrängt es, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Sonst würde er merken, dass die meisten anderen Mitglieder der Bevölkerung gar keine Chance haben, weil sie keine Selbstversorger sind. Erst ganz am Schluss merkt er, dass er stolz darauf sein kann, seinem Land zu helfen. Er kann sich einmal profilieren und sollte es geniessen, anstatt zu hadern.

Manche mögen sich jetzt vielleicht denken, schön und gut, aber schon mehr als 80 Jahre her. Weit weg für unsere Generation. Doch ist es dies wirklich? Sind wir mit COVID-19 nicht gerade wieder in eine solche Situation befördert worden, welche prädestiniert ist für sogenannte «schwarze Tanners»?

Offensichtlich ist, dass heutzutage eine andere Ausgangslage herrscht als damals. Wir befinden uns nicht im Zweiten Weltkrieg, aber dennoch sind wir, wie viele andere Länder auch, von einer weltweiten Katastrophe betroffen, die in solch einem Ausmass so gut wie nie vorkommt.

Obwohl wir nicht gegen andere Nationen kämpfen, befinden wir uns in einem erbitterten Kampf. Gegen ein unsichtbares Etwas, das wir nicht einmal sehen können. Gegen ein Virus namens SARS-CoV-2, umgangssprachlich bekannt unter dem Namen Coronavirus. Die daraus resultierende Krankheit COVID-19 nimmt uns unseren Geschmackssinn und macht uns unfähig, unser Lebenselixier, den Sauerstoff, aufzunehmen. Dies sind jedoch nur die äusseren Umstände, wo sind die schwarzen Tanners?

Wenn man in dieser Zeit mit offenen Augen durch die Weltgeschichte geht, sieht man schnell, dass man an jeder Ecke einen schwarzen Tanner trifft. Dafür muss man nicht einen abgelegenen Bergbauernhof aufsuchen, es reicht, wenn man in ein Lebensmittelgeschäft geht. Da hört man Aussagen wie: «Wieso soll ich so lange vor dem Laden anstehen? Ist doch nicht mein Problem, wenn die anderen sich anstecken. Sollen sie halt genug Abstand halten, wenn sie Angst haben. Ich bin jung und gesund, mir passiert nichts. Ich schränke mich doch nicht ein, ich verpasse doch nicht meine Jugend, wegen ein paar alter Leute, die eh nicht mehr lange zu leben haben.» Dazu muss man sagen, dass es nicht nur die jungen Leute sind. Es gibt auch ältere Menschen, die die Massnahmen des Bundes übertrieben finden.

Weil man selbst nicht unmittelbar davon betroffen ist, sieht man keinen Grund, sich den anderen Leuten gegenüber solidarisch zu verhalten. In jedem von uns steckt ein kleiner schwarzer Tanner. Es ist unsere Angelegenheit, ob wir ihn hemmungslos rauslassen oder ob er einfach irgendwo tief in uns drinnen schlummert.

Das Verhalten der Leute ist noch nicht alles. Wenn man die schwarzen Tanners auf die Staaten Europas überträgt, kann man auch gewisse Parallelen zu damals erkennen. Jedes Land schaut anfangs nur für sich, Schutzmasken, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel sind Mangelware. Genau wie damals, nur sind es heute keine Lebensmittel mehr.

Wer keine eigenen Produktionsstätten für diese Dinge hat, hat ein grosses Problem. Importe sind schwierig, da keiner mehr exportiert. Alle fürchten, sie hätten zu wenig, wenn sie teilen.

Man muss als Person, als Land, als Kontinent oder sogar als ganzer Planet erst in der Krise stecken, um zu merken, dass es nur gemeinsam geht. Wie im «Schwarzen Tanner». Wenn jeder der kann, seinen Beitrag leistet, kommt es am Ende gut.

Wenn es uns allen gelingt, unseren schwarzen Tanner zu bekämpfen und seiner Stimme kein Gewicht zu geben, werden wir alle zusammen diese Pandemie besiegen. Es wird nicht nur wenige siegreiche Nationen geben, alle haben dann etwas davon. Daher sollten wir uns gegenseitig helfen und zusammenstehen, letzteres aber bitte nicht wortwörtlich!